Das Ziel, die Doktorarbeit zu »managen«, wird Ihnen vielleicht sonderbar oder gar befremdlich vorkommen. Es wirkt prosaisch, viel zu rational und technisch. Es steht im Widerspruch zu der verbreiteten Meinung, man müsse sich zuerst sehr gründlich in die Wissenschaft vertiefen und unvoreingenommen bereit sein, etwas Neues zu entdecken, was man gar nicht vorhersehen kann. Skeptiker werden fragen: Lässt sich ein solches Projekt »managen«? Muss man nicht ins Ungewisse aufbrechen und den gänzlich offenen Fragen folgen? Aber gerade in solchen Vorstellungen liegt die Tücke. Man läuft dadurch Gefahr, dass das Vorhaben aus dem Ruder gerät und man letztendlich sein Ziel nicht erreicht, sondern trotz aller Anstrengung auf der Strecke bleibt. Nur allzu viele Promotionsprojekte werden erfolglos abgebrochen. Das können Sie vermeiden, indem Sie von Anfang an mit planender Vernunft an das Projekt herangehen. Statt sich naiv-optimistischer Entdeckerlaune hinzugeben, sollten Sie bestrebt sein, sich möglichst frühzeitig Klarheit über Ihre Ziele zu verschaffen und sich an zweckrationalen Kriterien zu orientieren.
Wie man dabei vorgeht, zeigt Ihnen dieses Kapitel. Es wird zunächst auf den Umgang mit Zeit eingehen, der für viele Doktoranden eine große Problemquelle ist. Sie selbst sollen dadurch lernen, derartige Probleme zu vermeiden oder zu überwinden.
Anschließend wird deutlich werden, wie wichtig ein rationales Projektmanagement ist. Sie werden zunächst einen klärenden Überblick über die notwendigen Phasen des Projekts vermittelt bekommen. Weiterhin wird auf wichtige Projektbedingungen eingegangen, nämlich auf die Finanzierung Ihrer Promotionsphase und die Organisation der Betreuung durch Erst- und Zweitgutachter.
Anschließend lernen Sie die Prinzipien von Zeitmanagement und realistischer Arbeitsplanung kennen. Diese bilden den Mittelpunkt des Kapitels. Sie werden lernen, Arbeitszeit als eine wertvolle und begrenzte Ressource zu betrachten, mit der man zweckrational umgehen sollte. Anhand verschiedener Empfehlungen sollen Sie anschließend in der Lage sein, Pläne aufzustellen, die Sie auch tatsächlich erfüllen können.
Ihre Aufmerksamkeit wird darauf gelenkt, verbindliche Arbeitsziele zu stecken, die von außen kontrolliert werden, und auf nützliche und verwertbare Ergebnisse hinzuarbeiten.
Eine Doktorarbeit zu verfassen, ist ein sehr zeitaufwändiges Unternehmen. Insbesondere die Doktoranden selbst unterschätzen dies häufig.
An ihrem Umgang mit Zeit fällt Folgendes auf:
• Doktoranden verwenden sehr viel Zeit auf ihre Dissertation. Meist sind sie über viele Jahre hinweg mit ihr beschäftigt.
• Sie gehen verschwenderisch mit ihrer Zeit um. Sie halten sich viel zu lange mit einzelnen Tätigkeiten wie zum Beispiel der Literatursuche und dem Lesen auf.
• Sie investieren zu viel Zeit in Nebensächlichkeiten und formale Details.
Eine konkrete Projektplanung ist Voraussetzung für den erfolgreichen Abschluss eines Projekts, aber sie ist nicht alles. Es bedarf auch eines guten Projektmanagements. Diese Aufgabe scheint manche Doktoranden zu überfordern. Zum einen ist das Projekt in der Regel sehr umfangreich und arbeitsintensiv, zugleich aber nur ein Ein-Mann- beziehungsweise Eine-Frau-Projekt. Zum anderen ist der Doktorand in Personalunion Projektleiter beziehungsweise -manager, Projektbearbeiter und sein eigener Controller, das heißt derjenige, der das Erreichen der Ziele überwacht und Abweichungen verhindert beziehungsweise korrigiert. In seiner Führungsrolle muss der Doktorand also zugleich selbst darauf achten, dass er schonend mit seinen Fähigkeiten und Ressourcen umgeht.
Der Großteil der Promovierenden, nämlich etwa zwei Drittel, finanziert sich, wie eine Thesis-Befragung von 2004 ermittelte, über Plan- oder Drittmittelstellen an der Universität oder in Forschungsinstituten. Nur etwa 20 Prozent beziehen ein Stipendium. Einen ausführlichen Überblick über Finanzierungsmöglichkeiten der Promotion bietet der Artikel von Carsten Würmann im GEW-Handbuch (2006). Hier sollen nur die wesentlichen Informationen dazu kurz und knapp dargestellt werden.
Vergessen Sie über all den Zielen und Ansprüchen, die das Promotionsprojekt nahelegt, nicht die eigenen persönlichen Ziele, die Sie mit der Promotion verbinden!
Vielleicht ist bei Ihnen nach der langen Studienzeit und den ersten Berufsjahren der Wunsch stark geworden, endlich ein Kind zu haben. Und Sie möchten die Chance eines Promotionsstipendiums auch dafür nutzen, sich den nötigen Freiraum für die Familiengründung zu schaffen. Sie werden die Dissertation dann vielleicht als eine zwar wichtige, aber nicht unbedingt zentrale Aufgabe Ihres Lebens betrachten.
Nach langen Berufsjahren ist bei Ihnen vielleicht das Interesse erwacht, aus dem Berufsalltag auszusteigen und sich einer Aufgabe, die mehr Tiefgang verspricht, als es die Praxis zulässt, zuzuwenden. Die Beschäftigung mit dem Thema ist dann vielleicht für Sie wichtiger als die Fertigstellung der Dissertation.
In manchen Fällen ist die Aufnahme einer Promotion auch nur als Überbriickungslösung gedacht, zum Beispiel dann, wenn sich nach dem abgeschlossenen Studium noch keine Aussicht auf eine attraktive Stelle bietet und deshalb die Promotion auch als Erwerb einer (inhaltlichen oder auch nur formalen) zusätzlichen Qualifikation angesehen wird.
Bei Studienabsolventen, deren Eltern einen akademischen Abschluss oder gar einen Doktorgrad haben, liegt der Gedanke an das Promovieren sehr nahe und es wird von ihnen gar nicht mehr ernsthaft geprüft, ob er tatsächlich den eigenen Zielen entspricht.
In manchen Berufsfeldern erscheint es einfach als ein »Muss«, den Doktorgrad zu erwerben - so zum Beispiel den Chemikern, die damit ihre Karrierechancen in der Industrie verbessern wollen oder auch den Medizinern. Das macht jedoch das Ziel nicht automatisch zu einem eigenen Anliegen!
In Kapitel eins wurde Ihnen empfohlen, Ihre Motivation daraufhin zu prüfen, ob sie den Anforderungen und Beschwernissen des Promotionsprojekts gewachsen ist. Hier möchte ich Ihren Blick darauf lenken, dass aus den ganz persönlichen Zielsetzungen auch bestimmte Erwar- tungen und Ansprüche resultieren: Ansprüche bezüglich der Dauer des Projekts und/oder auch Qualitätsansprüche. Diese sollten Sie sich bewusst machen!
Für die Dissertation als Überbrückungslösung muss man nicht unbedingt mit vollem Einsatz »sein Bestes geben«, aber man könnte sinnvollerweise auch ein realisierbares Arbeitsprodukt anstreben - wie zum Beispiel ein erstes Literaturreferat.
Mit ähnlichem Anspruch könnte sich die werdende Mutter in ein Themengebiet einarbeiten, wobei es ihr nicht auf das Einhalten des durch das Stipendium vorgegebenen Zeitrahmens ankommt, sondern auf die Weiterbeschäftigung mit der Wissenschaft. i
Für den promovierenden Chemiker, der seine Karrierechancen in der Industrie verbessern will, wird es sinnvoll sein, ein Thema zu wählen, das ihn für ein bestimmtes Tätigkeitsfeld qualifiziert, ihn aber auch kurzfristig zum Erfolg führt.
Für diejenigen, die in der Promotion die Herausforderung sehen, einen wesentlichen Teil ihres Selbstbildes zu verwirklichen, wird der Arbeits- prozess vermutlich zu großem Engagement und hohem Anspruchsniveau führen. Sie sollten auf jeden Fall darauf achten, ob sie nicht andere wichtige Lebensziele vernachlässigen.
Wenn es andererseits nur darum geht, den Doktortitel als weiteren akademischen Grad ohne explizite wissenschaftliche Ambitionen zu erwerben, dann tut man gut daran, die Ansprüche auf mittlere und gut zu erreichende Maßstäbe zu richten.
Auf die Phase der Literaturauswertung möchte ich ebenfalls nur kurz eingehen. Vermutlich haben Sie bereits Ihre eigene Lesemethode, auf die Sie schwören. Wenn Sie damit gut zurechtkommen, sollten Sie sie auch beibehalten. Aber nach meinen Erfahrungen erliegen Doktoranden sehr häufig der Gefahr, dass sie viel zu viel lesen und sich viel zu lange mit dieser Phase aufhalten. Manche verlieren sich beim Lesen in der Breite der Fachliteratur und vergessen dabei ihre Themenstellung. Das Auswerten der Literatur und das Schreiben kommen darüber olt zu kurz.